Straßenbahn auf dem Jungfernstieg - Foto: Lutz Bartoschek

Meine Erinnerungen an die Hamburger Straßenbahn

Die „Elektrische“ habe ich als kleiner „Butscher“ noch selbst kennenlernen dürfen. Wenn es vom heimischen Bergedorf nach Hamburg in die Innenstadt ging, lag oft auch eine Fahrt mit der Straßenbahn auf dem Weg. Obwohl die Tram in der Mitte der 1970er Jahre schon in den sprichwörtlich letzten Zügen lag, war sie in der Innenstadt immer noch präsent. Fuhren wir mit der S-Bahn in die Stadt, sah ich bereits am Berliner Tor die ersten Straßenbahnen, die auf eigenem Bahnkörper entlang der Bürgerweide an den Blechkolonnen vorbeifuhren. Schon damals war mir aufgefallen, dass überall in der Stadt verteilt Gleise lagen, auf denen aber an vielen Stellen schon nichts mehr fuhr.

Umsteigepunkt Berliner Tor mit Straßenbahn. Nachdem die Linie 14 im Mai 1977 eingestellt wurde, lag die Trasse noch längere Zeit brach und wurde erst später für Busse umgebaut. (Foto: Oliver Babatz)
Umsteigepunkt Berliner Tor mit Straßenbahn. Nachdem die Linie 14 im Mai 1977 eingestellt wurde, lag die Trasse noch längere Zeit brach und wurde erst später für Busse umgebaut. (Foto: Oliver Babatz)

Obwohl noch sehr jung, konnte ich damals nicht nachvollziehen, warum man ein so umweltfreundliches Verkehrsmittel einstellt. Hamburgs Stadtväter hatten bereits in den 1950er Jahren die Weichen in Richtung autogerechte Stadt gestellt. Dem stand die Straßenbahn im Wege. Sie sollte durch U- und S-Bahnen ersetzt werden, die in der „zweiten Ebene“, also unter oder über der Erde verkehrten und damit den Individualverkehr nicht störten. Die Fahrgäste sollten auf die Schnellbahnen umsteigen. Dem Bus war die Funktion des Feinverteilers von den Schnellbahnknoten zugedacht.

Nun, es kam anders. Dem Schnellbahnbau ging in den 1970er Jahren die finanzielle Puste aus. Das inzwischen geschrumpfte Straßenbahn-Netz war angeblich nicht mehr wirtschaftlich und so übernahm der Bus weitestgehend die Rolle der letzten Straßenbahnlinien. In dieser Zeit fing ich an, mich für öffentliche Verkehrsmittel zu interessieren.

„Hamburg mit dem HVV entdecken.“

Als kleiner Junge habe ich oft und gerne meine Heimatstadt erkundet. Das ging, damals wie heute, besonders gut mit einer  Tageskarte oder in den Sommerferien mit der HVV-Ferienfahrkarte. Beide Karten galten ab 9 Uhr für beliebig viele Fahrten und damit konnte ich auf Entdeckungstour gehen und die Stadt mit dem HVV erkunden.

Hamburg kann man gut mit dem HVV erkunden. Damals sogar noch mit Straßenbahn und Alsterschiffen.
Hamburg kann man gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden. Dazu gehörten damals auch noch die Straßenbahnen und Alsterschiffe.

S-Bahnen waren zu der Zeit meist dunkelblau. Die ältesten Züge fuhren auf der S1 und hatten noch Glühlampenbeleuchtung. Moderner waren die Züge auf den Linien S2 und S10. Ebenfalls S-Bahnlinien, wenn auch nicht elektrisch, waren die Strecken der S3, S4 und S5. Hier fuhren Nahverkehrszüge, die meist mit silbernen Waggons behängt waren. Ebenfalls in Silber präsentierten sich die U-Bahnen. Bis auf Front und Türen in Orange, war der Rest des Wagens in Edelstahl gehalten. Optisch lehnten sich diesem Konzept auch die damals neuen Züge der AKN an. Sie bildeten einen echten Kontrast zu den Schienenbussen der ANB und EBO.

HVV-Faltpläne mit Schnellbahnplan halfen anfangs bei der Orientierung.
HVV-Faltpläne mit Schnellbahnplan halfen mir anfangs bei der Orientierung.

Auf meinen Touren versuchte ich möglichst viele Verkehrsmittel im HVV zu kombinieren. Neben den Schnellbahnen und Bussen lagen die HADAG-Fähren, die Alsterschiffe und besonders die Straßenbahn oft auf meinem Weg. Die Linie 2 (heute MetroBus 5) nutzte ich bevorzugt, weil entlang der Strecke mehrere Umsteigemöglichkeiten zur Schnellbahn lagen.

In der Straßenbahn konnte man dem Fahrer über die Schulter gucken. Entweder durch die offene Kassenklappe oder die grüne Trennscheibe der Kabinentür. (Foto: Peter-Henning Meier)
In der Straßenbahn konnte man dem Fahrer über die Schulter gucken. Entweder durch die offene Kassenklappe oder die grüne Trennscheibe der Kabinentür. (Foto: Peter-Henning Meier)

Die Fahrt in der Straßenbahn machte mir besonders viel Spaß, denn da war die grüne Trennscheibe zur Fahrerkabine, durch die man die Strecke vor sich beobachten konnte. In Erinnerung sind mir auch die schmalen Doppeltüren geblieben, die per Knopf von den Fahrgästen geöffnet wurden. Gemütlich wirkte die hölzerne Innenausstattung sowie die elegante Form der Wagen, die mit 2,20 Metern schmaler als Busse waren und deren Enden so spitz und elegant ausliefen.

1978 sollte mit Einstellung der Linie 2 die Hamburger Straßenbahn aus dem Straßenbild verschwinden. Da war die „Elektrische“ inzwischen 84 Jahre alt geworden und ich fast zwölf.

September 1978: Scheibenwerbung in der Hamburger Straßenbahn weist auf die bevorstehende Betriebsumstellung hin
September 1978: Scheibenwerbung in der Hamburger Straßenbahn weist auf die bevorstehende Betriebsumstellung hin. (Foto: Lutz Bartoschek)

In den Medien wurde das bevorstehende Ende angekündigt. Das Hamburger Abendblatt begleitete in einer Serie die letzten 39 Tage der Straßenbahn. HVV und Hochbahn informierten ihre Fahrgäste über die Betriebsumstellung. Informationsprospekte,  Kundenzeitschriften von HHA und HVV sowie Hinweise in den Fahrzeugen wiesen auf das bevorstehende Ereignis hin.

Informationsbroschüren, Fahrgastzeitschriften aber auch die Medien berichteten zahlreich über die Straßenbahneinstellung
Informationsbroschüren, Fahrgastzeitschriften aber auch die Hamburger Medien berichteten ausführlich über die Straßenbahneinstellung

Sonnabend, 30. September – Letzter Betriebstag der Linie 2

Am Wochenende 30. September/1. Oktober 1978 war es dann soweit: Straßenbahn-Abschied! Am Sonnabend hatte der Einzelhandelsverband den Straßenbahnbetrieb der „Zwei“ zwischen 9 und 15 Uhr gemietet und alle Hamburger zur kostenlosen Abschiedsfahrt eingeladen. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

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Große Sponsorenaufkleber schmücken Triebwagen 3575. Am Sonnabend hatte der Hamburger Einzelhandelsverband den Betrieb der Linie 2 von 9 bis 15 Uhr gemietet und alle Hamburger zur kostenlosen Mitfahrt eingeladen. (Foto: Sammlung Archiv HOCHBAHN)

Ich kaufte mir für 70 Pfennig einen Kinderfahrschein und fuhr in die Stadt. Am Rathausmarkt angekommen, standen schon zwei Hochbahner, die mich freundlich aufforderten gleich in den bereitstehenden beige-roten Triebwagen einzusteigen. Ich nahm Platz und schon setzte sich die Tram bimmelnd in Gang. Viele Hamburger nutzten die Gelegenheit und fuhren am Sonnabend noch mal mit ihrer „Zwo“. Entsprechend voll waren die Bahnen und die Hochbahn setzte zusätzliche Busse als Verstärker ein.

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Viele Besucher nutzten die Gelegenheit und besuchten das Straßenbahndepot in Lokstedt. (Foto: Sammlung Archiv HOCHBAHN)
Zwar war die Halle des Depots abgesperrt. Trotzdem gab es viel zu gucken. Hier unter anderem der Fahrschulwagen Nr. 3999. (Foto: Lutz Bartoschek)

Am frühen Nachmittag trieb ich mich gerade auf dem Areal des Betriebshofs Lokstedt rum. Ich hatte mir die abgestellten Triebwagen in der Halle angesehen, wollte mich dann aber auf den Weg nach Hause machen, denn der kostenlose Betrieb würde gegen 15.00 Uhr enden. Gerade stand eine Bahn in der Schleife vor der Halle. Ich stieg ein, löste brav meinen Kinderfahrschein und fuhr mit der Linie 2 zurück in die Innenstadt und dann weiter nach Hause.

Sonntag, 1. Oktober 1978 – Sonderbetrieb zum Abschied

In der Nacht zum Sonntag hatte die Linie 2 offiziell ihren Betrieb eingestellt. Seit Betriebsbeginn am Sonntag fuhren die Busse der neuen Linie 102. Trotzdem konnten die Hamburger am Sonntag noch mal Straßenbahn fahren, denn die Hochbahn hatte einen kostenlosen Sonderbetrieb eingerichtet.

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Am Betriebshof wurden alle ausrückenden Straßenbahnen beflaggt. (Foto: Lutz Bartoschek)

Die Innenstadt war rappelvoll, die Bahnen waren es auch. Wieder nutzte ich die Gelegenheit und pendelte auf der Strecke zwischen Rathausmarkt und Schnelsen hin und her. Überall entlang der Strecke surrten und klickten Kameras. Einige Leute waren sogar mit Kasettenrekordern unterwegs um die Fahrgeräusche der Bahnen aufzuzeichnen. Andere wiederum waren mit Werkzeug ausgestattet und schraubten alles ab, was nicht niet- und nagelfest war. Beliebt war auch, Geld auf die Schienen zu legen und es von einer Bahn platt fahren zu lassen.

Straßenbahnsouvenirs zum Abschied: Fähnchen, Postkarten, alte Fahrscheine und ein Originalstück Straßenbahnschiene
Straßenbahnsouvenirs zum Abschied: Fähnchen, Postkarten, alte Fahrscheine und ein verchromtes Stück Straßenbahnschiene

Auf dem Rathausmarkt herrschte Volksfeststimmung.  Die HHA-Kapelle und Spielmannszüge sorgten für Musik, das DRK für Erbsensuppe. Auf der nördlichen Gleiskehre standen drei Triebwagen, aus denen heraus Souvenirs verkauft wurden.Gegenüber am südlichen Ende parkte ein Streudienst-Arbeitswagen aus den 1920er Jahren. In historisch grün-gelbem Farbkleid wurde er den Hamburgern als alte „Pferdebahn von 1880“ vorgestellt.
Daneben parkte ein Prototyp des ersten Schubgelenkbusses und stellte den Bus der 1980er Jahre dar. Die Zukunft also.

V6E Nr. 3650 rollt vom Rathausmarkt. Im Hintergrund einer von drei Triebwagen, in denen Souvenirs von der Straßenbahn verkauft wurden. (Foto: Lutz Bartoschek)
V6E Nr. 3650 rollt vom Rathausmarkt. Im Hintergrund einer von drei Triebwagen, in denen Souvenirs von der Straßenbahn verkauft wurden. (Foto: Lutz Bartoschek)

Am Grindelberg hatte man ebenfalls ein kleines Straßenfest organisiert. In der Schleife waren zwei Triebwagen geparkt. Viel los war auch auf dem Gelände des Betriebshofs Lokstedt.

Zum Nachmittag wurden die Bahnen so voll, dass ein Zustieg nur noch schwer möglich war. Am Rathausmarkt angekommen, gelang es mir nicht mehr bis zur Ausstiegstür zu kommen. Das Gedränge war zu groß und ich musste noch eine Runde mitfahren. Erst in in Lokstedt konnte ich die Straßenbahn am Betriebshof verlassen. Auch hier waren die Straßen schwarz vor Menschen. Als die Triebwagen, einer nach dem anderen, in den Betriebshof einrückten, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Wieder legte ich meine 70 Pfennig für den Kinderfahrschein auf den Zahltisch, diesmal jedoch beim Busfahrer der neuen Linie 102, die mich in die Innenstadt brachte.

Stau in der Kollaustraße - Zahlreiche Hamburger begleiteten den Straßenbahnkorso der letzten Bahnen nach Lokstedt (Foto: Thomas Remmler)
Stau in der Kollaustraße – Zahlreiche Hamburger begleiteten den Straßenbahnkorso der letzten Bahnen nach Lokstedt (Foto: Thomas Remmler)
Als letzter V6E verlässt Triebwagen 3657 den Rathausmarkt. Vorweg fährt eine Polizeieskorte. (Foto: Thomas Remmler)
Als letzter V6E verlässt Triebwagen 3657 den Rathausmarkt. Vorweg fährt eine Polizeieskorte. (Foto: Thomas Remmler)

Am Folgetag war der Straßenbahnabschied das Titelthema aller Hamburger Tageszeitungen. Die berichteten, dass rund 200.000 Hamburger das Wochenende genutzt hatten, um sich von der Elektrischen zu verabschieden.

Ich bin froh, die Hamburger Straßenbahn noch selbst erlebt zu haben und versuche mit meinen virtuellen Modellen die Erinnerung daran ein bisschen wach zu halten.